{"id":121,"date":"2009-02-21T10:38:03","date_gmt":"2009-02-21T09:38:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.gam-essen.de\/?p=121"},"modified":"2009-10-09T16:29:13","modified_gmt":"2009-10-09T14:29:13","slug":"kunstmarkt-russland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/relaunch.galerie-obrist.de\/ru\/kunstmarkt-russland\/","title":{"rendered":"Kunstmarkt Russland."},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Essay von Torsten Obrist, erschienen in: LBBW-International. Wirtschaft und M\u00e4rkte. Russland. Publikation der Landesbank Baden-W\u00fcrttemberg, Ausgabe 01, Januar 2009, S.20f.<br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"color: #000000;\">\u201eSelbstbewusst sind die neuen Russen, s\u00fcchtig nach Superlativen die knapp 11 Millionen Moskowiter. Sie haben es nicht mehr n\u00f6tig, Statistiken zu f\u00e4lschen, um die Welt zu beeindrucken. Und die negativen Ausw\u00fcchse ihrer Stadt, die lassen sie bei ihrer Rekordjagd einfach weg.\u201c \u2013 So stand es im \u201eSpiegel\u201c Mitte diesen Jahres (Nr. 29\/ 14.07.2008, S. 107), und dieses ambivalente Bild zeigt sich jedem, den es gesch\u00e4ftlich nach Moskau zieht. Meine Galerie f\u00fcr junge Kunst war in diesem Jahr bereits das dritte Mal als Teilnehmer auf der Art Moscow, der sicher wichtigsten osteurop\u00e4ischen Kunstmesse. Und in diesen drei Jahren konnte ich den Moskauer Boom \u2013 auch in der Kunst &#8211; in Riesenschritten miterleben.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"color: #000000;\">Es war 2006, als erstmals auf der Messe nicht mehr nur zwei bis drei deutsche Galerien zu finden waren, sondern gleich mehr als ein Dutzend und eine deutliche Internationalisierung einsetzte: Moskau war der verhei\u00dfene Markt, wo Millionengesch\u00e4fte gemacht werden konnten. Die Entt\u00e4uschung war bei den meisten gro\u00df, als sie mit leeren Taschen nach Hause kamen. Meine Galerie geh\u00f6rte zu den wenigen, die mit junger Kunst aus dem Westen punkten konnten, und auch in den beiden Folgejahren konnten wir sehr gute Ergebnisse erzielen. 2008 hat sich die Art Moscow allerdings stark ver\u00e4ndert: Nur noch f\u00fcnfzig Galerien wurden zugelassen, drei nur noch aus Deutschland. Die Richtung ist klar: Russen sollen wieder mehr bei russischen Galerien russische K\u00fcnstler kaufen. Dazu passt ein Bericht im FAZ.net, der die neuen \u00f6stlichen Kunstm\u00e4rkte unter die Lupe nimmt: \u201eDer Osten leuchtet, die Preise boomen, die Russen kaufen ihre eigene Kunst zu fast jedem Preis zur\u00fcck, \u00e4hnlich wie in zunehmendem Ma\u00dfe auch die Chinesen, die den Ostasiatika-Markt Westeuropas mit offenen Scheckb\u00fcchern beleben.\u201c (Quelle: FAZ.net, August 2007) W\u00e4hrend allerdings China 2007 zum viertgr\u00f6\u00dften Kunstmarkt der Welt angewachsen ist, und mit einem Volumen von mehr als 320.000.000 $ Deutschland \u00fcberholt hat, ist die Situation in Russland sehr viel weniger transparent. Verl\u00e4ssliche Zahlen bieten einzig die gro\u00dfen Auktionsh\u00e4user: \u201eDer Umsatz mit russischer Kunst hat sich nach Angaben von Christie&#8217;s im Zeitraum von 2000 bis 2006 mehr als versiebenfacht. Allein im ersten Halbjahr 2007 setzte Christie&#8217;s 69 Mio. Dollar um, nach 70,5 Mio. Dollar im gesamten Vorjahr. Gar um das zwanzigfache stiegen im gleichen Zeitraum die Ums\u00e4tze im Handel mit russischer Kunst bei Sotheby&#8217;s &#8211; sie beliefen sich im vergangenen Jahr auf 153,5 Mio. Dollar.\u201c (Quelle: FAZ.net, August 2007) Und so h\u00f6rt man immer wieder von den legend\u00e4ren russischen Oligarchen, die Klassiker ebenso wie aktuelle Kunstwerke zu exorbitanten Dollarsummen ersteigern.Ein Beispiel aus j\u00fcngster Zeit ist die \u201eBig Sue\u201c von Lucian Freud, die f\u00fcr 30 Millionen in russische H\u00e4nde wechselte, jene von Roman Abramowitsch. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"color: #000000;\">Diese punktuellen Spitzenergebnisse t\u00e4uschen nicht dar\u00fcber hinweg, dass der Verkauf junger westlicher Kunst in Russland nach wie vor schwierig ist. Es sind die wenigen reichen Privatiers, die informiert sind und im nennenswerten Umfang diese Kunst kaufen. Sie sind auch der Motor einer wachsenden heimischen Kunstszene, insbesondere in den Metropolen Moskau und St. Petersburg. Daraus spricht ein neues Selbstbewusstsein gegen\u00fcber der \u00dcbermacht der westlichen Kunst. So entstehen privat gestiftete Museen wie das von Viktor Markin, und auch der schon erw\u00e4hnte Roman Abramowitsch <\/span><span style=\"font-size: 12pt; font-family: &quot;Times New Roman&quot;;\">hat zusammen mit seiner sch\u00f6nen Freundin Dasha Zukhova sein gigantisches GCCC Garage Center for Contemporaray Culture in Moskau er\u00f6ffnet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Vorreiter war das vor zwei Jahren er\u00f6ffnete &#8220;Winzavod&#8221;, eine ehemalige Weinfabrik, in der sich nun auf 20.000 qm die wichtigsten russischen Galerien pr\u00e4sentieren. Es sind Galerien, die inzwischen auch vom internationalen Parkett nicht mehr wegzudenken sind: XL Gallery, Marat Guelman, Aidan Gallery, Regina Gallery. Zu den Winzavod-Festen kommen stets mehr als 10.000 Menschen, Zeichen f\u00fcr ein sehr breites Interesse an aktueller Kunst. Die Menschen setzen sich intensiv mit ihr auseinander, wollen verstehen. Eine Vorliebe f\u00fcr die eigene, russische Kunst ist unverkennbar, denn die westlichen Entwicklungen der modernen Kunst seit den 50er Jahren sind bisher nur wenigen bekannt. Die junge Kunst in Russland hat sich relativ eigenst\u00e4ndig entwickelt, und ist h\u00e4ufig gepr\u00e4gt von Pathos und schwerer Symbolik, was ich in der russischen Mittelstellung zwischen Europa und Fernost begr\u00fcndet sehe, und ihrem Fundament in der orthodoxen Kirche. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Kunst ist frei, auch in Russland. Allerdings mit Einschr\u00e4nkungen: Wer nicht von einem reichen Russen protegiert wird, hat als K\u00fcnstler kaum eine Chance. Und auch von staatlicher Seite werden der Kunst die Schranken gewiesen: Eine von Andrej Jerofejew 2007 initiierte Ausstellung in der von ihm geleiteten Tretjakow-Galerie setzte sich kritisch mit Religion auseinander, und hatte mit Zensur, staatlichen Repressalien und handgreiflichem Bildersturm zu k\u00e4mpfen, Jerofejew wurde schlie\u00dflich entlassen. Vor diesem Hintergrund sind die Chancen auf dem russischen Kunstmarkt zwar gro\u00df, jedoch kaum berechenbar.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.gam-essen.de\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/kunstmarkt-russland.pdf\">Als pdf: Kunstmarkt Russland.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essay von Torsten Obrist, erschienen in: LBBW-International. Wirtschaft und M\u00e4rkte. Russland. Publikation der Landesbank Baden-W\u00fcrttemberg, Ausgabe 01, Januar 2009, S.20f. \u201eSelbstbewusst sind die neuen Russen, s\u00fcchtig nach Superlativen die knapp 11 Millionen Moskowiter. 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